Vom Sprint zur Langstrecke:
Warum Durchhalten glücklich macht

„Die Reise von Kamakura nach Kyoto dauert zwölf Tage. Wenn Sie nur elf reisen und einen Tag vor dem Ziel aufgeben, wie können Sie dann den Mond über der Hauptstadt bewundern?“ (Nichiren)

 Zu Beginn dieses Jahres fasste ich einen Entschluss: „2021 wird das Jahr, in dem ich mein Leben verändere.“ Im Nichiren-Buddhismus, den ich seit vielen Jahren praktiziere, stehen solche persönlichen Entschlüsse oft am Anfang einer großen Entwicklung als Mensch. Sie haben wenig mit einem guten Vorsatz zu tun („Dieses Jahr treibe ich mehr Sport.“ „Ab heute ernähre ich mich gesünder“). Vielmehr sind sie eine Art Versprechen – ein Versprechen an sich selbst und das Universum.

Um mein Leben in diesem Jahr tatsächlich zu verändern, wollte ich mir ein klares Ziel setzen, und zwar ein großes! Ich beschloss, endlich DAS Projekt meiner Träume in Angriff zu nehmen: Eine Online-Plattform ins Leben rufen, auf der ich Schreiben, Fotografie und Philosophie mit dem Wunsch verbinde, Menschen in ihrem Alltag zu ermutigen. Zunächst weihte ich nur meinen engsten Kreis in mein Vorhaben ein – denn ich dachte: Je weniger Leuten ich davon erzählte, desto besser. Dann bekommen nicht so viele mit, wenn ich scheitere…

Selbstzweifel überwinden

Bevor ich loslegen konnte, steckte ich wochenlang in einer finsteren Wolke aus Ängsten und Selbstzweifeln fest. Sind meine Fotos überhaupt gut genug? Postkarten mit Sprüchen gibt es schon wie Sand am Meer, wer braucht dann noch meine? Kann ich über Buddhismus schreiben, ohne damit irgendjemandem auf die Füße zu treten? Um mir über Ziele und Inhalte meines Projektes klarer zu werden, führte ich Gespräche mit vielen Menschen: Künstlern, Werbetextern, Autoren, Fotografen, Designern – und irgendwann gefühlt mit allen meinen Freunden und Bekannten.

Dann kam der Tag, an dem beim Chanten der Name „purespective“ wie ein Lichtstrahl in mein Bewusstsein schoss. Er steht für vieles, das mir bei diesem Projekt wichtig ist: Die Ermutigung zu einer klaren Perspektive auf das Leben, zu unterschiedlichen Blickwinkeln und neuen Sichtweisen. Die Namensfindung war wie eine Initialzündung. Ich holte Andrea aus Barcelona, langjährige Freundin und großartige Designerin, als Partnerin mit ins Boot. Jetzt wollte ich lossprinten und am liebsten gleich morgen mit purespective online gehen.

Fit für die Langstrecke?

Sportlich gesehen bin ich eher Kurzstreckenläuferin. Ich brauche das Ziel in Reichweite und gerate aus der Puste, wenn die Strecke länger gerät als geplant. Und sie geriet deutlich länger… Andrea und ich hatten viele Etappen mit etlichen Hindernissen vor uns: Logo- und Markenentwicklung, die Auswahl eines passenden Shopify-Themes (oh Graus!), technische Herausforderungen beim Aufsetzen des Shops – und eine laaaaange Phase der Produktentwicklung. Fotoauswahl, Format und Design der Karten, Papierauswahl, Entscheidung für eine Druckerei. Und erst die Mutmach-Sticker, gerade noch rechtzeitig am Morgen der Shop-Eröffnung geliefert wurden (über die könnte ich einen eigenen Journal-Beitrag schreiben – ach, was sag ich, ein ganzes Buch…).

Mehr als einmal geriet ich an meine Grenzen und wollte alles hinschmeißen. Immer wieder ermutigten Andrea und ich uns gegenseitig. Und natürlich erneuerte ich beim morgendlichen Chanten regelmäßig den Entschluss, mein Ziel auf jeden Fall zu erreichen.

Großartige Dinge brauchen ihre Zeit

Um die beste Version unserer Selbst zu werden (wir nennen das im Buddhismus „die Buddhaschaft verwirklichen“), braucht es beständige Bemühungen. Buddha Shakyamuni (auch als Siddharta bekannt) hat mehrere Ehrentitel. Einer davon lautet „Nonin“: der, der durchhalten kann. Daisaku Ikeda, der Präsident unserer buddhistischen Glaubensgemeinschaft Soka Gakkai International (SGI) bringt es auf den Punkt: „Großartige Dinge zu erschaffen ist keine einfache Sache. Man muss viel Zeit investieren. (…) Zu versuchen, es hastig zu erledigen, es schnell aus dem Weg zu räumen, ist ein großer Fehler. Die einzige Art, großartige Dinge zu erschaffen, ist es sich Zeit zu nehmen und sich ihnen mit voller Konzentration zu widmen.“ Yesss. Wusstest du, dass Goethe 60 Jahre gebraucht hat, um seinen „Faust“ zu vollenden? Was also sind schon ein paar Monate Wegstrecke hin zu einem persönlichen Ziel?  

Was braucht es zum Durchhalten? Auf jeden Fall Zuversicht und Vertrauen. Die Zuversicht vertraut darauf, dass es ganz sicher immer eine Lösung gibt – und wir über genügend Kraft, Mut und Ausdauer verfügen, um auch hindernisreiche Etappen zu meistern. 

Zurück zum Ursprung

Wenn ich mal wieder besonders elendig „feststeckte“ im Kampf gegen die diversen Herausforderungen meines Projektes, hat mir eines sehr geholfen: mich an meine ursprüngliche Zielsetzung zu erinnern. Warum tue ich das alles? Was möchte ich damit bewirken? Was ist mein zentrales Anliegen? Klarheit über diese Fragen macht innerlich unabhängig und setzt frische Schaffenskraft frei.

„Die Reise von Kamakura nach Kyoto dauert zwölf Tage. Wenn Sie nur elf reisen und einen Tag vor dem Ziel aufgeben, wie können Sie dann den Mond über der Hauptstadt bewundern?“ (Nichiren)

Ich liebe dieses Zitat sehr. Es erinnert mich daran, wie sehr es sich lohnt, auch mal eine längere Durststrecke zu überwinden. Am Ende wartet am Himmel ein silberner Mond, den wir bestaunen dürfen! Das ist viel beglückender, als der „Kick“ eines zack-zack erreichten Sprint-Ziels.

Wenn du diese Zeilen liest, ist purespective Wirklichkeit geworden und damit auch mein Jahresziel erreicht: Ich habe in diesem Jahr mein Leben verändert! Durch die Arbeit an diesem Projekt bin ich mutiger, beständiger und jugendlicher geworden. Und ich habe (wieder einmal) lernen dürfen, dass eine entschlossene Vorwärtsbewegung immer auch Gegenwind hervorruft.

Mein Herz hüpft vor Freude, dass ich einfach immer weitergemacht habe. All den Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet und mir den Rücken gestärkt haben (und das sind einige!), bin ich enorm dankbar. Und jetzt mal ganz ehrlich: Gibt es etwas Beglückenderes, als nach einer langen, beschwerlichen Reise den Mond über Kyoto zu sehen?

„Glück ist eine Blume, die auf dem Boden geduldigen Durchhaltens erblüht.“ (Daisaku Ikeda)


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